Mittwoch, 21. September 2016

Ein Windhund in Friedrichstadt

So sieht es aus, wenn man im Shop von "Meine fabelhafte Welt" bestellt - das "Wollglück kommt in einer schönen Papiertüte, und eine Postkarte mit einem persönlichen Gruß gibt es auch noch dazu. Ach, wie schön!  

 
Und was war drin im Paket? - Luxuriöses Merino / Kaschmirgarn: Sechs Knäuel Lamana Milano mit sagenhaften 180 m Lauflänge auf 25 g für mein Lemming-Projekt, den "Whippet"-Cardigan von Ankestrick. Frau Maschenfein hatte ihn angestrickt, und in ihrer Facebookgruppe sprangen viele Mitglieder auf den Zug auf. Ein wunderbarer Whippet nach dem anderen wurde gestrickt und gezeigt, bis auch ich der Versuchung erlag und so ein edles leichtes Jäckchen einfach haben musste!

Über den Werdegang habe ich bereits hier und hier berichtet - für mich war die Anleitung nicht ganz optimal. Ich stricke sonst eher nach Charts und den knapp gehaltenen Anleitungen aus Strickzeitschriften, daher war es für mich sehr anstrengend, den Anweisungen Masche für Masche zu folgen.  Grundsätzlich erschloss es sich mir schon recht schnell, wie die Konstruktion gedacht ist, aber zu Beginn wollte es nicht so recht laufen, und trotz der hilfreichen Schemazeichnung habe ich mich in der Masse der Maschenmarkierer oft "verlaufen". Mehrfach habe ich mich verstrickt und geribbelt (Milano hat es mir verziehen), bis ich mich eingegrooved hatte. Doch spätestens, wenn die Ärmelzunahmen beginnen, läuft der Hase. 

 Und schließlich, rechtzeitig zum Herbstbeginn, war der "Windhund" fertig!

Die Mühe hat sich gelohnt. Das Jäckchen ist superleicht (ich habe 6 Knäuel verstrickt und das 7. ganz knapp angefangen, also etwas mehr als 150 g verstrickt), und wärmt trotzdem gut.
Nicht ganz zufrieden bin ich mit der Passform der Ärmel, ich weiß nicht, wieso ie mir ein bisschen zu weit geraten sind - sie setzen mir jedenfalls etwas zu weit unten an und bilden fast Fledermausärmel, wie man auf diesem Foto ahnen kann. 
Ob ich einen Zunahmeabschnitt doppelt gestrickt habe? Die nächste Version würde ich wohl eine Nummer kleiner stricken.

Seinen ersten Auslauf hatte er bei einem Ausflug nach Friedrichstadt, an die Nordküste von Schleswig-Holstein. (Wer bei mir schon länger mitliest ahnt es: Es folgt ein Reisebericht samt Fotostrecke (-: )
Dieses kleine Städtchen mit nur 2500 Einwohnern lohnt einen Besuch unbedingt! Der Herzog Friedrich III von Gottorf plante eine Handelsmetropole am Zusammenfluss von Treene und Eider, die der mächtigen Hansestadt Hamburg Konkurrenz machen sollte. Hierzu brauchte er fähige Handwerker, insbesondere Deichbauer, um das Land trockenzulegen. Der Herzog hörte davon, das in Holland die Anhänger des remonstrantischen Glaubens des Landes vertrieben werden sollten und schickte Werber - die Holländer kamen gegen die Zusicherung von Religionfreiheit (und das mitten im 30Jährigen Krieg!) und bauten dem Herzog die Stadt 3m unter dem Meeresspiegel.
Noch heute erinnern der schachbrettartige Stadtplan, die vielen schmucken Treppengiebelhäuser und vor allem die Grachten an die holländische Herkunft. Nicht umsonst ist Friedrichstadt als Klein Amsterdam bekannt.
Mit Stadtführer Heinz hatten wir einen sehr urigen Leiter, der uns spannend und lustig die Geschichte der Stadt nahebrachte. Wie man sieht, war Heinz weitaus zünftiger gekleidet als ich :)
Am interessantesten fand ich die Tatsache, dass mit den holländischen Remonstranten auch Anhänger anderer Glaubensrichtungen in die Stadt kamen und zwischenzeitlich bis zu 16 verschiedene Religionsgemeinschaften in dem Städtchen einträchtig beieinander lebten - und das in Zeiten, in denen die Religion einen viel höheren Stellenwert hatte als heutzutage. Noch heute gibt es 5 aktive Glaubensgemeinden, darunter immer noch ca 100 Remonstranten.
Im 1. Schleswig-Holsteinisch Krieg wurde Friedrichstadt von den schleswig-holsteinischen Truppen schwer bombardiert, um die Dänen zu vertreiben. Laut Stadtführer Heinz waren die Schäden nach dem Bombardement 1850 um ein vielfaches schwerer als die aus den Zerstörungen des 2. Weltkriegs. Friedrichstadt fiel mit dem vereinten Herzogtum Schleswig-Holstein dennoch 1857 an die Preußen - und das war scheinbar nicht besser, bloß anders als unter dänischem Regime. Denn nun hatte man es mit Bismarck zu tun... Ein sehr spannender, für mich auch neuer, Ausflug in die lokale Geschichte.

Heute ist Friedrichstadt wieder herausgeputzt und eine echte Augenweide. Es gibt so viel zu sehen:

Wunderschöne Hauseingänge
 Hausmarken an den Fassaden - diese ersetzten früher die Hausnummern:
eine schön dekorierte Fußgängerzone (es gibt sogar einen Stoffladen mit einer sehr großen Auswahl an Patchworkstoffen!)

... und Humor hat man auch:
Ich fand es ganz unglaublich, das ein so übersichtliches Städtchen, in dem man sich wirklich nicht verlaufen kann, so viele Wegweiser benötigt. 

Ganz besonders empfehle ich einen Besuch im Kaffee-Kontor. Der kleine Laden ist vollgestopft mit allem, was es zum Kaffeebrauen braucht, dazu gibt es Whisky, Schokolade, Senf, Marmeladen und eine große Auswahl Tee. Wer was kauft, bekommt vom Chef auch noch eine Denksportaufgabe gratis dazu.
Meine war: "Eine Dose mit Deckel kostet 20 EUR. Die Dose ist 15 EUR teurer als der Deckel. Wie teuer ist der Deckel?" - Muss ich sagen, dass ich reingefallen bin?

Am Sonntag haben wir noch einen Ausflug auf die Halbinsel Eiderstedt gemacht (das ist die "Nase" von Schleswig-Holstein), und sind bei bestem Sonntagswetter zum Leuchtturm Westerhever spaziert. Herrlich!
Sonnenbrand gab's gratis dazu. 

Mein neues Jäckchen hat seinen ersten Ausflug ganz artig überstanden und trotz der Passformmängel an den Ärmeln bin ich sehr zufrieden und finde, die Mühe hat sich gelohnt. Im zweiten Anlauf passt nun auch die Ärmellänge (die hat sich nach dem Waschen noch mal deutlich verlängert, und ich musste ca 5 cm ribbeln),  die Rückenlänge ist genau richtig, und die Zipfel vorn und besonders das Kaffeebohnenmuster gefallen mir sehr. 

Schwer habe ich mich allerdings mit der Anleitung getan (Kaufanleitung von Ankestrick - über Ravelry). Hier brauchte ich einige Zeit, um die Konstruktion zu verstehen. Ich vermute, die Designerin wollte die Anleitung idiotensicher gestalten und überfordert damit ihre Strickerinnen. Anfängern würde ich die Jacke daher nicht empfehlen. Für ein besseres Verständnis fände ich es hilfreich, wenn zu Anfang grob die Konstruktion erklärt würde - mir hätte das einige Knoten im Hirn erspart. 

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Kommentare:

  1. Liebe Sandra,

    ich finde Deinen Windhund sehr schön! Die Ärmel stören mich nicht, das muß so! Er macht sich jedenfalls an dir und überall sehr gut. Ich habe die Anleitung auch schon lange auf meiner to-knit-Liste.

    Herzlichst Bine

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  2. Die Jacke sieht richtig toll aus und nur 150 g schwer bzw. leicht? Das klingt gut. Daß es fast Fledermausärmel sind, finde ich gar nicht so schlimm. Deine Fotos sind toll, schöner Reisebericht. LG Angela

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  3. In Friedrichstadt war ich schon ewig nicht mehr, danke dafür dass Du mir dieses Städtchen in Erinnerung bringst. Von so einem feinen Strickjäckchen wie Deinem kann ich leider nur träumen, dafür reichen meine Künste so null. Die Farbe finde ich auch wunderschön, richtig edel! LG, Tanja

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  4. Dein Whippet ist schön geworden und vielen Dank für die Tipps! Ich stricke die Jacke im Rahmen des Herbstjacken-Knit-Along, mal sehen, wie es wird!
    LG Sabine

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  5. Tja, Textanleitungen ein unerschöpfliches Thema! Aber die Jacke ist trotzdem schön geworden und dein Reisebericht wie immer sehr interessant!
    LG Monika

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  6. tolle Jacke und sehr interessantes über das Städchen - vielen Dank für Deinen inspirierenden Post. LG Kuestensocke

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  7. Eine traumschönen Strickjacke! Ich bewundere das so - ein ganzes Kleidungsstück stricken. Das schaff ich einfach nicht.
    Lieber Gruß Jenny

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  8. Schönes Strickjäckchen und schöne Kulisse! LG- Kathy

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